Lesezeit: ca. 5 Minuten Buchtipp: Sturmgefühle, Schattenbilder
Kinder spüren mehr, als wir manchmal denken. Sie merken, wenn Mama manchmal so wütend ist, dass alles zu viel wird. Wenn sie weint, ohne dass man weiß warum. Wenn sie einen Augenblick später wieder lacht, als wäre nichts gewesen. Was sie nicht verstehen – und was sie sich im Stillen fragen – ist: Warum? Und: Habe ich etwas falsch gemacht?
Als kleiner Verlag, der sich bewusst für Bücher zu schwierigen Themen entscheidet, begegnet uns diese Frage immer wieder. Eltern, Pädagog:innen, Therapeut:innen schreiben uns: Wie rede ich mit meinem Kind darüber? Gibt es Bücher, die helfen? Heute möchten wir diese Frage so ehrlich und praktisch wie möglich beantworten.
Was Kinder wirklich brauchen: Ehrlichkeit in einfacher Sprache
Die größte Angst vieler Eltern ist, zu viel zu sagen. Die Wahrheit zu erzählen und das Kind damit zu überfordern. Was wir aus Gesprächen mit Betroffenen – und aus der Arbeit mit unseren Autor:innen – immer wieder hören: Kinder sind nicht überfordert von der Wahrheit. Sie sind überfordert von der Stille darum herum.
Wenn niemand erklärt, was mit Mama los ist, erfindet das Kind seine eigene Erklärung – und die ist meistens schlimmer als die Realität. Oder schuldhafter. Kinder neigen dazu, sich für das Verhalten ihrer Eltern verantwortlich zu fühlen.
Was hilft, ist eine Erklärung, die:
- dem Alter des Kindes angepasst ist (nicht zu medizinisch, nicht zu vereinfacht),
- die Erkrankung benennt, ohne sie zu dramatisieren,
- die Mama als ganzen Menschen zeigt – nicht nur als die Erkrankung,
- und dem Kind klar macht: Du trägst keine Schuld.
Was ist Borderline – und wie erkläre ich es einem Kind?
Borderline-Persönlichkeitsstörung bedeutet, dass Gefühle sehr viel intensiver erlebt werden als bei den meisten Menschen. Und dass es schwerer fällt, diese Gefühle zu regulieren. Das ist keine Entscheidung, kein Versagen, keine Schwäche – es ist eine neurologische Besonderheit, die oft durch frühe Erfahrungen entsteht und behandelbar ist.
Für Kinder können wir es so formulieren:
„Mama hat in ihrem Inneren manchmal einen ganz großen Sturm. Dieser Sturm kommt und geht, so wie das Wetter. Mama liebt dich genauso, wenn es stürmt. Aber manchmal ist es für sie sehr schwer, das zu zeigen. Das liegt nicht an dir – und du kannst den Sturm nicht aufhalten. Aber du kannst wissen: Der Sturm geht vorbei.“
Wann ist der richtige Moment für das Gespräch?
Nicht nach einem Ausbruch, wenn alle noch aufgewühlt sind. Nicht kurz vor dem Schlafengehen. Der beste Moment ist ein ruhiger, alltäglicher Augenblick – beim Spazierengehen, beim Backen, im Auto. Situationen, in denen kein direkter Augenkontakt hergestellt werden muss, helfen vielen Kindern, offener zu sein.
Wichtig ist auch: Es muss kein einmaliges, großes Gespräch sein. Kinder verarbeiten in Etappen. Ein erstes ruhiges Gespräch, dann Raum für Fragen, dann vielleicht ein Buch, das das Thema noch einmal aufgreift.
Ein Buch als Gesprächsbrücke: »Sturmgefühle, Schattenbilder«
Genau für diesen Moment – wenn Eltern nicht wissen, wie sie anfangen sollen – haben wir das Bilderbuch Sturmgefühle, Schattenbilder von Michelle Müller-Nagy entwickelt. Die Autorin lebt selbst mit einer Borderline-Störung und hat die Geschichte zusammen mit ihrem Sohn geschrieben – das merkt man: Sie ist ehrlich, liebevoll und ohne jeden pädagogischen Zeigefinger.
Das Buch erzählt vom Kind Sammy, dessen Mama einen Wutdrachen in sich trägt. Es erklärt Kindern, was Borderline bedeutet – und zeigt gleichzeitig: Mama ist mehr als ihr Sturm. Sie ist schlau, liebevoll und kann super Witze erzählen.
Bewusst haben wir den Namen »Sammy« gewählt – ein Name, der für Mädchen, Jungen und nichtbinäre Kinder gleichermaßen funktioniert. Beim Vorlesen kann jede Familie selbst entscheiden, wer Sammy ist.
Fünf Dinge, die wirklich helfen
- Benennen, nicht verschweigen. Kinder, die einen Namen für das bekommen, was sie erleben, fühlen sich weniger allein.
- Mama als Mensch zeigen, nicht nur als Erkrankung. Borderline ist Teil von ihr – aber nicht alles.
- Dem Kind erlauben, eigene Gefühle zu haben. Auch Wut, Trauer oder Scham sind okay.
- Eine verlässliche Bezugsperson benennen. Wer kann das Kind anrufen, wenn der Sturm kommt?
- Professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen – für die Mama und, wenn nötig, für das Kind.
Zum Schluss: Warum wir dieses Buch gemacht haben
Bücher zu Themen wie diesen erscheinen nicht zufällig in unserem Programm. Wir suchen aktiv nach Geschichten, die Familien in schwierigen Situationen begleiten – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Ehrlichkeit und Wärme. Michelle Müller-Nagy hat uns das Manuskript zu Sturmgefühle, Schattenbilder geschickt, und wir wussten sofort: Dieses Buch braucht die Welt.
Weil es Kinder sieht. Weil es Mütter nicht verurteilt. Und weil es genau die Lücke füllt, die so viele Familien kennen: der Moment, bevor das erste Gespräch stattfindet.
→ Zum Buch: Sturmgefühle, Schattenbilder – Kindern Borderline erklären




