Ich hätt ja gerne. Aber geht ja nich. Wir räumen nämlich gerade unser Haus um. (Erst alles ausräumen, dann umräumen, dann planen. In dieser Reihenfolge.) Und deshalb kann ich gerade niemanden reinlassen. Muss ich mir doch den Weg zum Schreibtisch selber mühsam bahnen. Aber wenn nicht – ja sonst! Dann hätte ich aus Anlass der Aktion „Verlage besuchen“ einen Tag der offenen Tür gemacht. Damit der geneigte Leser und die wohlgesonnene Leserin mal eine Eindruck davon bekommen, wie ein Verlag so arbeitet. Und welche Fron die Verlegerin auf sich nimmt, um die Welt mit neuem Lesestoff zu beglücken … Aber weil is ja nich, habe ich mir etwas anderes ausgedacht: Ihr bekommt eine exklusive Verlags-Homestory. Mit Fotos und Erläuterungen.

An Tag 1 nähern wir uns der ganzen Sache erstmal von außen: Voilà! – das Verlagshaus. Also nicht nur. Aber auch.

Das Grundstück, auf dem es steht, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Im Ursprungsgebiet Hildesheims gelegen, gehörte es nach der Gründung des nahegelegenen Michaeliskloster zu dessen Besitz. Die Mönche bauten hier Obst und allerley anderes an. (Obst haben wir auch wieder, aber in Töpfen.) Doch 1470 war ein Mitglied der vornehmen Familie Galle auf der Suche nach einem Grundstück, um dort eine Art Kloster zu installieren. Er kaufte den Benediktinern das Fleckchen ab und besiedelte es mit ein paar „Willigen Armen“. Die hießen wirklich so, das „willig“ ist eine Kurzform von „freiwillig“. Die Galles hatten die Brüder engagiert, damit sie für das Seelenheil der Familie beteten.

Diesen Plan der Altstadt Hildesheim findet man am Gebäude der Volkshochschule. Eingekreist: das Grundstück Langer Hagen 25. Die Kirche links darüber ist die Michaeliskirche, wie sie vor dem Krieg zu sehen war: mit barocker Turmspitze. Mit dem Wiederaufbau hat man sich auf ihre mittelalterliche Ursprungsform besonnen. Rechts, die Kirche mit dem hohen Turm, ist die Andreaskirche, die uns im weiteren Verlauf des Textes nochmals begegnen wird.

Die Mitglieder dieser Gemeinschaft waren Laienbrüder, die ihr Leben in den Dienst Gottes und der Menschen stellen wollten. Und so wirkten sie von ihrem kleinen Haus aus (das stand etwa dort, wo heute die Einfahrt ist) sehr segensreich in Hildesheim: Sie gingen in die Stadt hinein, um Kranke zu pflegen und Tote zu begraben – vor allem die, die in den Augen der Bürger als „unrein“ galten: Gehenkte, Selbstmörder und Pesttote. Die Willigen Armen waren sich für nix zu schade.

Anbei das Bildnis eines Angehörigen des Alexianerordens, der aus der Gemeinschaft der Willigen Armen hervorging. So ungefähr sah die Tracht in der Barockzeit aus.

Man könnte sagen: Die Willigen Armen betrieben eine mittelalterliche Sozialstation. Natürlich beteten sie auch: Es gab es eine kleine Kapelle, aber da keiner der Brüder Priester war, gingen sie zur Messe in die nahegelegenen Andreaskirche. Ähnlich, wie man es noch aus der Ostkirche kennt, murmelten sie wohl eine Art immerwährendes Gebet vor sich hin. Die Hildesheimer sagten, sie „lullen“ und so bekamen die frommen Herren den Spitznamen „Lullekenbrüder“ wech. Und das Haus, in dem sie wohnten, nannte man das „Lüllekenhaus“. Auf alten Stadtkarten gut zu sehen.

Ausschnitt einer Karte aus dem Jahr 1769. Der Buchstabe „z“ bezeichnet das „Lillekenhaus“.

Ende des 18.Jahrhunderts war die Fachwerkhütte dann baufällig geworden, man riss sie ab. Ohnehin waren die Ordensleute inzwischen nicht mehr am Ort, zuletzt wohnten in ihrem Haus verarmte Hildesheimer Bürger. Eine Zeitlang diente das Gelände wieder als Garten, 1829 wurde eine Knabenschule hier errichtet. Dies alles ist auch nachzulesen in dem Büchlein Ein’ schöne Stadt auf schönem Grund. Ein Gang durch Hildesheim Anno 1575. Erschienen ist es – Überraschung! – bei uns. Bei Gelegenheit werde ich das Büchlein etwas genauer vorstellen.

Auf diesem Grundriss eingezeichnet: der Standort der zu errichtenden Knabenschule für den dritten Lehrer der Martinischule. Etwas schwächer in der Linienführung an linken Rand: der ursprüngliche Standort des Vorgängerbaus, des Lüllekenhauses.

Aber erstmal zurück in die Gegenwart: Beim Blick nach oben sieht man die Fenster des Verlags: Hinter dem Dachfenster ist das Verlegerinnenbüro, die Gaube daneben gehört zum Praktikantenzimmer. Schön warm haben wirs hier!

Das Haus einmal in Gänze, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus fotografiert.

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