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2. April – Weltautismustag

Passend zum Autismus-Monat April und dem heutigen Weltautismustag gibt es einen Textschnipsel aus Jan Coles Buch »Was du nicht erwartest«. Die Hauptperson Nik Alvarez ist 17 Jahre alt und Autist. Sein für Außenstehende etwas skurril wirkendes Experiment herauszufinden, ob er in ein bestimmtes Mädchen verliebt ist, schlägt fehl und er findet sich in der Jugendpsychiatrie wieder. Es drängt ihn aber, das Experiment zuende zu bringen, und so heckt er einen komplizierten Plan aus, für den er nach Frankfurt muss. Gemeinsam mit seiner Mitpatientin Mai gelingt ihm die Flucht und sie machen sich auf den Weg. In Erfurt finden sie über AirBNB eine Unterkunft, hier kommt es beim Essen zu diesem Dialog über Autismus, der sich sicherlich auch in der Realität zugetragen haben könnte und zeigt, wie wichtig Aufklärungsarbeit über Autismus ist.
»Er ist Autist«, sagt sie. »Er weiß manchmal nicht, was er­laubt ist zu sagen und was nicht.«
»Das wusste ich nicht«, sagt Ursula. »Entschuldigung. Aber so was sagt man wirklich nicht beim Essen!«
Die beiden Mädchen schauen interessiert zwischen mir, Mai und Ursula hin und her, Ernesto hat immer noch Lachfalten im Gesicht, hat sich inzwischen aber gefangen und beginnt, zu essen.
»Autismus«, sagt Ursula. »Das ist doch diese Behinderung, die durch Impfstoffe entstehen kann?«
»Nein«, sage ich, energischer als beabsichtigt und Ursula zuckt ein wenig zusammen. Plötzlich mag ich sie nicht mehr so gern. »Das hat damit gar nichts zu tun. Lassen Sie Ihre Kinder etwa nicht impfen?«
»Doch, doch«, sagt Ursula. »Das Risiko, dass sie dann einen Autismus kriegen, ist ja eher gering, und das Impfen schützt vor vielen anderen Krankheiten.«
»Autismus hat mit Impfstoffen nichts zu tun.«
»Ich habe da nur mal so etwas gehört …«
»Dann ist das falsch«, sage ich und schütte mir mehr Öl und Gewürz über die Nudeln.
Die Mädchen fangen auch wieder an zu essen.
»Ein bisschen komisch ist das aber schon«, sagt Ursula. »Dass es jetzt plötzlich so viele Autisten gibt, früher war das nicht so.
»Natürlich gab es früher auch Autisten«, sage ich. »Man hat das nur nicht so genannt. Heutzutage ist das Bewusstsein für verschiedene Krankheiten größer, deshalb werden sie eher er­kannt, das bedeutet nicht, dass sie häufiger vorkommen. Oder wenn sie eher auffallen, dann liegt es daran, dass die mo­derne Welt autistenfeindlich ist, mit dem ganzen Verkehr und dem Lärm …«
Mai stupst meinen Arm an und ich verstumme, ich habe viel zu schnell geredet und bin immer lauter geworden. Ich hole tief Luft. 

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